Entdeckung: Hans Rott

 


 

Wege zu Gustav Mahler

Im Sommer 2013 gab es eine erneute CD-Produktion mit den Münchner Symphonikern. Hansjörg Albrecht dirigiert die Symphonie in E-Dur von Hans Rott, dem früh verstorbenen Studienkollegen Gustav Mahlers. Aufgenommen ist zudem ein Liederzyklus von Hans Rott in der Orchestrierung von Enjott Schneider. Solist ist der Bariton Michael Volle.

Die CD erschien im Juni 2014 beim Label OehmsClassics

 

 

Reflektionen zur Lieder-Reise von Enjott Schneider

Die Lieder-Reise „Balde ruhest Du auch!“ ist ein Zyklus mit fünf Klavierliedern des Brucknerschülers und Mahler-Zeitgenossen Hans Rott, der frühverstorben und verkannt heute zunehmend Faszination auf die Musikwelt ausübt. Analog zu Schuberts Winterreise von Hans Zender führt Enjott Schneider mit musikalischen Kommentaren (Prolog, Interludien, Epilog in zeitgenössischer Idiomatik) durch die meist von Todessehnsucht und Weltenrückzug geprägten Klavierlieder Hans Rotts, die behutsam orchestriert wurden und in ihrer originalen Expressivität unverändert bleiben sollten.

 

Der Kommentar setzt den im spätromantischen Satz gehaltenen Liedern eine Tonsprache mit freier Tonalität, Clustern, hohen glitzernden Liegetönen (die sich schleierartig über Zitate von Rott legen) und subtilen Klängen entgegen, die mit Fragilität oder exzessiven Ausbrüchen immer auf „Tod“ und „Wahnsinn“ von Hans Rott verweisen. Die Lieder werden sozusagen vor eine imaginäre Schattenwelt gestellt und bekommen dadurch plastische Konturen. Zusammengehalten werden sie von einem – auch gesungenen – Leitmotiv: Warte, balde ruhest du auch!, das vor allem in Prolog und Epilog exponiert wird. Hans Rott sitzt in der Irrenanstalt vor einer weißen Wand, schattenhaft gleiten Momente seines Lebens an ihm vorüber und verschwinden im Nichts …

 

Ein merkwürdiger Mann
Gedanken zu Hans Rott (1858-1884)

 

Der Grat sei schmal und der Absturz wahrscheinlich: jener Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Das hatten bereits Philosophen der Antike behauptet. Im Jahr 1872 untermauerte ein Psychiater namens Cesare Lambroso diese Theorie mit medizinischen Argumenten, die heute monströs wirken. Genio e follia hieß sein Werk, das 1887 als Genie und Irrsinn auf Deutsch erscheinen sollte. Sieben Jahre nach dem jähen Fall des österreichischen Komponisten Hans Rott in das, was Romantiker geistige Umnachtung nennen. Hans Rott erlosch in dieser Nacht vier Jahre und mehrere Selbstmordversuche später. Mit sechsundzwanzig.

 

Mit zwanzig war er eine Erscheinung gewesen, die keiner vergaß. Der Hans schaut aus wie König Ludwig II, sagten die Freunde. Und er war hochbegabt. Der Musikwissenschaftler Guido Adler erklärte sogar: „Er war der begabteste von uns allen“. Das wollte etwas heißen in einem Kreis, zu dem auch Hugo Wolf und Gustav Mahler gehörten. Viele glaubten an eine große Karriere des Hans Rott. Vor allem sein Orgellehrer am Wiener Konservatorium, Anton Bruckner. Sein „ausgezeichnetster Schüler“ war eine Figur mit Starqualitäten. Rott gelang es, sich selbst im nackten Nichtshaben so zu inszenieren, dass die anderen ihn bewunderten. Aus seinen Schuhen, sagte er selbst, hatte das Regenwasser freien Auslauf. Aber wenn er in seinem alten Havelock, einem weiten Herrenmantel mit Schulterkragen, ohne Ärmel und seiner rotweißgestreiften Fleischerhose daherkam, hünenhaft groß, mit dunkelblondem Löwenhaupt, leuchtenden graublauen Augen, gelassen und heiter, dann sah in ihm jeder den Sieger.

 

Zwischen 1878 und 1880 komponierte Rott seine stärksten und persönlichsten Werke: die 1. Symphonie in E-Dur, ein Pastorales Vorspiel, das Lied Der Sänger und wohl auch das Streichquartett in c-Moll, Skizzen zu einer 2. Symphonie und einem Oratorium: Der Tod. Als er im Juni 1880 seine Symphonie vollendete, befiel ihn Todesahnung. Die Menschen wurden ihm fremd: „alles gebe ich für einen Hund“ schrieb er einem Freund; „ein Thier könnte mich glücklich machen. Einem Menschen kann ich jetzt mein Herz nicht anvertrauen.“

Mit zweiundzwanzig Jahren entwarf Rott im Juni 1880 sein Testament. Doch zugleich vibrierte er vor Zukunftswollen. Er bewarb sich um die Stelle eines Musikdirektors in Mühlhausen und schrieb an Hans Richter, den Kapellmeister der Wiener Hofoper. Der sollte mit den Philharmonikern Rotts erste Symphonie aufführen. Rott lag finanziell am Boden. Aber er schwebte in einem Hochgefühl, das ihn beängstigte. „Die Tiefe des Sturzes wird die Höhe meines jetzigen Lebens errathen lassen“, befürchtete er. Am 19. August 1880 schrieb er dem Freund John Leo Löwi: „…es liegt etwas überspanntes, fieberhaftes in meinem jetzigen Leben, etwas, das zu einer Entscheidung hindrängt.“
Nicht er entschied: es entschied.
Am 21. Oktober setzten ihn Wiener Freunde in den Zug nach Mühlhausen. Sie waren besorgt: Rott war überzeugt, Personen aus Mühlhausen kontrollierten, wie er das Reisegeld verwende. Als sich in seinem Abteil ein Mitreisender eine Zigarette anzünden wollte, zog Rott seinen Revolver und bedrohte ihn, weil dieser Mann sein Leben und das aller anderen im Zug gefährde. Er war sicher, Johannes Brahms habe den Wagen mit Dynamit füllen lassen. Am 23. Oktober wurde er in die Psychiatrie des Allgemeinen Krankenhauses zur Beobachtung eingeliefert, am 16. Februar in die Niederösterreichische Landesirrenanstalt überstellt. Diagnose: Hallizunatorischer Irrsinn und Verfolgungswahn. Ein Jahr später lautete sie: unheilbare Schizophrenie.

 

Doch damit gab und gibt sich keiner zufrieden. Schumann, Nietzsche, Wolf: an ihrem Wahn war die Syphilis schuld. Das beruhigt uns Nachgeborene. Wir alle suchen nach der Kausalität des Wahnsinnigwerdens, weil nur sie uns die Angst vor seiner Unberechenbarkeit nehmen kann. Irgendwer, irgendetwas muss schuld daran sein. Im Fall Rott kamen viele und vieles in Frage. Brahms, der ihm angeblich die Anerkennung verweigerte. Die Professoren des Konservatoriums, die bei der Reifeprüfung seine Symphonie verspottet hatten. Die Mutter, die ihn unehelich als Sohn eines anderweitig verheirateten Vaters geboren hatte und so mit der Idee infizierte, er müsse „durch Reinheit die Schuld der Eltern büßen“. Der Halbbruder Karl, blutjung bereits ein Verführer mit vielen Liebschaften, ebenfalls unrein als „Bastard“ eines Erzherzogs, zudem in dieselbe Siebzehnjährige verliebt wie Hans. Diese Liebe selbst, von Hans Rott gefeiert als eine ewige und keusche, die nicht lebbar sein konnte. Die Schulden und die Unfähigkeit von Hans Rott, mit Geld umzugehen. Das exzessive Rauchen und Saufen. Sogar die geschenkte Hündin, die entlief.

 

Im Jahr seines Falls schrieb Rott: „‘Merkwürdig‘ ist ein bedeutungsvolles Wort; es ist ein Kind von ‚Wunderbar‘. Wenn die Menschen weniger feig wären, würden sie statt ‚unsinnig‘ ‚merkwürdig‘ sagen; das Wort ‚wunderbar‘ ist verloren gegangen, weil der bewusste Glaube, das sogenannte Wissen, dank der Kultur die uns auf die uns auf dem Wege des intellektuellen Verdummens von der Natur entfernt hat, abhanden gekommen ist.“ Intellektuell war Rott nicht.
Er war des Merkens würdig und sonderbar wunderbar. Eine Universalsymphonie hatte er geschaffen, die bei der Uraufführung, hundert Jahre nach ihrer Entstehung, die Musikwelt entflammte: ein Werk, irrsinnig genial, das schon Gustav Mahler als Urgrund des Neuen bewundert hatte. Doch kann es wirklich einem Kopf entsprungen sein, in dem der Genius und der Wahn wohnten?

 

Vor vier Jahren gelang es Hirnforschern vom Karolinska Institut Stockholm, das für die Vergabe der naturwissenschaftlichen Nobelpreise zuständig ist, die Verwandtschaft von Genies und Wahnsinngen aus dem Dunkel der Mystifikation zu befreien. Sie wiesen nach, dass deren Gehirne nach denselben Mechanismen funktionieren. In den Köpfen von hochbegabten und bestimmten seelisch kranken Menschen herrscht Chaos. Ihnen fehlt der Filter, der die wichtigen von den unwichtigen Informationen trennt. Dadurch werden dem Gehirn völlig neue Verbindungen, ungeahnte Assoziationen möglich: universale. Ob sie die anderen wunderbar finden oder sich nur darüber wundern. In der Presse wurde die Entdeckung der Schweden illustriert mit einem Foto des Mathematikers John Forbes Nash. In jungen Jahren wurde er von seiner Frau wegen Verfolgungswahns und Irrsinns in die Psychiatrie eingeliefert. 1959 die Diagnose: paranoide Schizophrenie. 1994 erhielt er den Nobelpreis. 2001, viele gefeierte Entdeckungen später, heiratete er seine erste Frau erneut. Noch immer lehrt er an der Princeton University.

 

Hätte Hans Rott, erhebt sich die Frage…
Die Antwort ist müßig. Uns bleibt die Musik.

Dr. Eva Gesine Baur